Man stelle sich vor: Soeben ist die Tonalität entstanden, die allen Komponisten der Barockepoche zum neuen Standard erwachsen ist. Rameau hatte gerade als erster die strengen Gesetze der Tonalität formuliert. Auch Scarlatti gab sich in der frühen Periode ganz der Tonalität hin. Diese frühe Periode im Komponieren Scarlattis reicht von K1 bis K95. Es ist auch die einzige Periode seines Schaffens, in der Stücke für ein Soloinstrument mit Cembalobegleitung entstanden sind, nämlich die Sonaten K73, K77, K78, K80, K81, K88, K89, K90 und K91. Es ist anzunehmen, dass diese Sonaten am portugiesischen Hof entstanden sind, wo offensichtlich ein Mitglied der königlichen Familie ein Melodieinstrument bespielte. Bei dem Soloinstrument hat es sich um eine Violine gehandelt, wie aus den wenigen Doppelgriffen und Akkorden in der Solostimme deutlich ersichtlich ist. Als einzige Sonaten sind diese Duosonaten in der Begleitung im Generalbass konzipiert. Sie sind die am meisten barocken Sonaten in Scarlattis Gesamtwerk. Das legt den Schluss nahe, dass sie Auftragswerke sind. Wo Scarlatti frei komponieren konnte, weisen seine Werke ganz andere Qualitäten auf. Diesen Punkt sollte man deutlich im Auge behalten. Durch seine Anstellungen zuerst am portugiesischen und danach am spanischen Hofe als Musiklehrer war Scarlatti in der Lage, völlig frei komponieren zu können, was immer er für richtig erachtet hat. Im Übrigen sind unter diesen Duosonaten einige, die mehrsätzig angelegt sind, ein Unikum bei Scarlattis Sonaten.

Viel interessanter sind schon in dieser frühen Periode die Sonaten für Cembalo solo.

Ursprünglich nannte Scarlatti diese Kompositionen "Essercizi" - also Übungen, der Terminus "Sonate" taucht erst danach in seinen Manuskripten auf. Das legt den Schluss nahe, dass diese Kompositionen zunächst zu Unterrichtszwecken entstanden sind. Ihr musikalischer Gehalt reicht jedoch viel weiter als der der landläufigen Etüden späterer Epochen - man denke etwa an Czerny oder Cramer, vor allem die Etüden Czernys, des Beethovenschülers, sind ohne großen musikalischen Wert. Die Sonaten Scarlattis - soweit man sie als Übungen verstehen will - sind Übungen sowohl in spieltechnischer als auch in musikalischer Hinsicht. Beide Elemente sind völlig gleichberechtigt.

Zum musikalischen Aspekt ist zunächst einmal festzustellen, dass in dieser ersten Periode Scarlattis Tonalitätsbegriff oft noch auf die mittelalterlichen Modi gegründet ist. Das heißt, dass Scarlatti die Dur-Tonleiter als eine Alteration des mixolydischen und die Molltonleiter als eine Alteration des dorischen Modus begriffen hat. Das geht schon aus der Vorzeichnung hervor:

- K4 und K8 z.B. stehen in g-moll und haben ein b als Vorzeichen;

- K20 z.B. steht in E-Dur und hat drei Kreuze als Vorzeichen, K26 steht in A-Dur und hat zwei Kreuze vorgezeichnet. Usw.

Scarlatti hat die genannten Modi nicht wirklich verwendet, sein Verständnis von Dur und Moll als Ableitungen aus der Modalität ist jedoch sicher interessant und gibt Stoff zum Nachdenken, auch wo es die Interpretation betrifft.

Auch in den späteren Perioden taucht diese Vorzeichnungsweise noch gelegentlich auf, vor allem zu Beginn.

Der Formplan der meisten Sonaten der frühen Periode ist denkbar einfach. Die Stücke sind zweiteilig angelegt, der zweite Teil ist eine Variation des ersten. Oft erscheint zu Beginn das Hauptmotiv, das dann in der zweiten Stimme imitatorisch behandelt wird. Ein Beispiel:

K2 (G-Dur - Presto)

Die Takte 9-12 sind das Echo der Takte 5-8. Diese Echowirkungen spielen bei Scarlatti eine große Rolle. Im Folgenden wird öfters darauf verwiesen werden.

In der Barockperiode wurde unterschieden zwischen dem "genus diatonicum" und dem "genus chromaticum". Die Begriffe sprechen für sich selbst. Im genus diatonicum wurden hauptsächlich die Töne der jeweils vorherrschenden Tonleiter gebraucht, im genus chromaticum alle chromatischen Töne. Das genus chromaticum wurde verwendet, um Gefühlen großen Schmerzes Ausdruck zu verleihen. Scarlatti hat das genus chromaticum sehr selten verwendet und wenn, dann nur stellenweise. Ein Beispiel findet sich in

K3 (a-moll - Presto)

Ein weiteres Beispiel für das genus chromaticum ist in der Fuge K58 zu finden. Diese Sonate ist im Übrigen eine wahre polyphonische Meisterleistung und außerdem eine der ganz wenigen Moll-Sonaten, die mit einem Dur-Akkord enden. Als Beispiel die ersten Takte:

Als Beispiel für die virtuose Behandlung von Akkordbrechungen möge K10 (d-moll - Presto) dienen:

Regelmäßig erscheinen in Scarlattis Sonaten Stellen, wo die eine Hand im absoluten Gegenrhythmus zur anderen steht. Ein frühes Beispiel ist K14 (G-Dur - Presto):

Diese Sonate ist im Übrigen die erste Tarantella in Scarlattis Werk.

In K32 (d-moll) erscheint zum ersten Mal in Scarlattis Sonaten der Typus des Menuetts. Dieses kurze Stück ist von einer solchen melodischen Schönheit, dass Scarlatti es "Aria" und nicht "Menuett" genannt hat. Dieses wunderschöne Stück verdient es, um ungekürzt zitiert zu werden:

In einigen der frühen Sonaten erscheint die "neapolitanische Sexte", jedoch nicht als nur als Kadenz, sondern auch, was bemerkenswert ist, als los stehender Melodieton. Beide Formen erscheinen in K34 (d-moll - Larghetto):

In den Takten 21 - 24 erscheint die Kadenz, im Takt 27 der losstehende Melodieton.

Die Sonate K62 steht im Kirkpatrick-Katalog nicht auf dem richtigen Platz. Stilistisch gesehen, gehört diese Sonate einer späteren Periode an, nämlich der frühen spanischen Periode. Die Takte 19-30 beweisen das:

Typisch für die frühe Periode ist eher K72, ein Fest der Spielfreude:

Die Fuge K87 ist zweifellos eine der merkwürdigsten Kompositionen Scarlattis. Den gewöhnlichen Fugenaufbau (einstimmig, zweistimmig, dreistimmig, vierstimmig) sucht man hier vergebens. Von Anfang an herrscht Vierstimmigkeit. Daneben gibt es mehrere Themen. Dieses Stück ist zugleich eine Fuge und auch wieder keine Fuge:

Copyright © John Sankey 1999

Die Nachteile von Sankeys Notationsart werden hier noch einmal deutlich.

Nicht unvermeldet darf eine merkwürdige Stelle aus dem Menuett K94 bleiben. Wie aus dem Nichts erscheint im völlig "normalen" Verlauf der Musik plötzlich eine Stelle, wo der eigenartige chromatische Melodieverlauf die an sich "gewöhnliche" Harmonisierung in einem irisierenden Licht erscheinen lässt:

Vergleicht man K95, die letzte Sonate der frühen Periode, mit K96, der ersten Sonate der spanischen Periode, so könnte man bei einigem bösen Willen von einem Stilbruch sprechen. Das ist jedoch nicht der Fall, man sollte von einer Stilbereicherung sprechen. Was Scarlatti der Kenntnis der spanischen Volksmusik und damit die musikalische Welt Scarlatti zu verdanken hat, wird im folgenden Kapitel untersucht.