Auf dem Gebiete der Musik gibt es viele ungehobene Schätze. Nur von sehr wenigen dieser Schätze jedoch sind die Existenz und der Fundort so allgemein bekannt wie im Falle der Sonaten Domenico Scarlattis. Doch ist auch dieser Schatz zum größten Teil bis heute nicht gehoben. Das gehört zweifellos zu den Unerklärlichkeiten des Lebens.

Scarlatti, im selben Jahr geboren wie Bach und Händel, war in mehrerer Hinsicht der Revolutionär von den dreien. Auch Bach hatte das erkannt, als er sagte, dass er ohne die Kenntnis von Scarlattis Sonaten seine Partiten nicht hätte schreiben können, die zu seinen in technischer Hinsicht abenteuerlichsten Klavierwerken gehören. Auch die Goldberg-Variationen danken in dieser Hinsicht viel an Scarlatti.

Es ist Aufgabe dieses Buches, diesen Schatz zu heben und zugänglich zu machen.

Was die Quellen betrifft, auf die ich mich bezogen habe, so sind das im Wesen vier, und zwar drei Urtextausgaben und weiterhin einige Faksimiledrucke von Scarlattis Manuskripten. Die Unsitte der Spätromantik, wo alle möglichen (und unmöglichen) Pianisten Scarlattis Sonaten "verbessern und an die Anforderungen der Zeit" anpassen wollten, durch Oktavierungen, Hinzufügung von Terzen und Sexten und sogar - man höre und staune - durch Einfügung von selbst erfundenen Kadenzen, also Ergebnisse der in dieser Hinsicht unsäglichen Liszt-Schule, gehört glücklicherweise der Vergangenheit an. Man könnte hier nur mit viel Wohlwollen von Scarlatti-Paraphrasen sprechen. Was Scarlatti vorgeschwebt hat, ist im Urtext deutlich und unmissverständlich durch ihn selbst niedergeschrieben und somit für alle Zeiten dokumentiert und bedarf keiner der genannten "Verbesserungen", die von Leuten vorgenommen wurden, die von den Intentionen und der Bedeutung Scarlattis keine Ahnung hatten.

Die erste meiner Quellen war die Internetausgabe des kanadischen Cembalisten John Sankey. An dieser Ausgabe kleben leider einige Nachteile, die zum Teil mit dem verwendeten Notationsprogramm zu tun haben. Dieses Programm verfügt über keine Pausenzeichen, sodass die entsprechenden Stellen einfach leer gelassen sind. Vor allem für den Musikliebhaber, der theoretisch nicht allzu versiert ist, bedeutet dies an vielen Stellen Rätselraten und kann leicht zu Fehlinterpretationen führen. Ein weiterer Nachteil besteht darin, dass die Töne eis, his, ces und fes offenbar in diesem Programm nicht bestehen, von Doppelkreuzen ganz zu schweigen. Das hat zur Folge, dass enharmonische Töne notiert werden mussten, was in vielen Fällen zu verwirrenden Ergebnissen geführt hat. Ein Beispiel aus K25 (in fis-moll) möge dies verdeutlichen. Erst Sankeys, dann die korrekte Notation:

Daneben besteht noch der Nachteil, dass die Vorschläge offensichtlich ebenfalls nicht korrekt zu notieren sind. Sankey hat die Vorschläge also zusammen mit dem Hauptton ebenfalls als Hauptton notiert. Abgesehen davon, dass viele der Vorschläge in der Tat zusammen mit dem Hauptton als acciatura angeschlagen werden sollten, man würde sich doch eine korrekte Notation wünschen.

Nimmt man diese Nachteile in Kauf, hat diese Ausgabe den Vorteil, dass sie kostenlos aus dem Internet herunter geladen werden kann. Allerdings reicht sie nur bis K176. Vielleicht wurde im Jahre 2000 eingesehen, dass das verwendete Notationsprogramm nicht zureichend war. Man kann sich jedoch fragen, warum nicht eines der kompletten Notationsprogramme verwendet wurde. (Vielleicht zu teuer?)

Ein weiterer Punkt der Kritik an dieser Ausgabe ist dieser: Herr John Sankey hat sich an gewissen Stellen nicht an den Urtext gehalten, sondern Fallen eingebaut, also vermutlich wissentlich Fehler hineingesetzt, obwohl diese Ausgabe den Anspruch erhebt, eine Urtextausgabe zu sein. Über den Begriff Urtext gibt es ja wohl keine Diskussion: es betrifft die getreue Reproduktion des Manuskriptnotentextes. Vielleicht hat er das darum getan, um irgendwann einmal beweisen zu können, dass jemand, ohne Sankeys Namen zu nennen, seine Ausgabe für eine eigene ausgibt, ohne jedoch zu bedenken, dass er sich damit selbst als Fälscher entlarvt. Dass eine solche Vorgehensweise den Kenner nicht täuschen kann, den Komponisten jedoch missachtet, macht diese Ausgabe und deren Herausgeber letztendlich wiederum fragwürdig.

Dasselbe gilt übrigens für seine ebenfalls im Internet erhältlichen Midi-Aufnahmen, die jedenfalls das gründliche Studium wert waren, vor allem, wo es die vorbildliche Behandlung der Triller betrifft. Seine Einsichten in die Behandlung der Triller decken sich mit den meinen. Aber auch dort sind leider an vielen Stellen Fehlerfallen eingebaut, und das vermutlich absichtlich. Und das von einem, der selbst schreibt, dass die Verbreitung der Musik Scarlattis eines seiner höchsten Ziele ist!

Als eines der vielen Beispiele führe ich die Takte 13 - 16 aus K94 an. Erst die Partitur, danach die Midi-Aufnahme:

Man beachte die feinen und doch groben Unterschiede. Der Ton es in Takt 15 der Midi-Aufnahme ist ebenso eine Irreführung wie der gesamte Takt 16. Es bleibt unerklärlich, warum jemand Scarlatti so verschandelt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es sich hier um Flüchtigkeitsfehler handelt. Als Experte erkläre ich, dass in diesem Falle weder die Midi-Aufnahme noch die Partitur korrekte Versionen sind. Die korrekte Version ist diese:

Dennoch enthalten diese Aufnahmen Elemente, die ich auch bei meinen Aufnahmen übernommen habe. Als Beispiel nenne ich K114. In Takt 58 beim Halbschluss werden 32-tel gespielt, was nicht in Übereinstimmung mit der Partitur ist, aber den Intentionen Scarlattis entgegenkommt. Man sollte immer bedenken, dass auch in Scarlattis Musik ein gewisser improvisatorischer Freiraum besteht.

Weiterhin standen mir zwei vierbändige Ausgaben ausgewählter Sonaten Scarlattis zur Verfügung, die eine vorbildlich und die andere unter dem Motto "braver geht es nicht".

Vorbildlich ist die ungarische Ausgabe (Edition Musica, Budapest). Aus allen vier Perioden in Scarlattis Schaffen ist eine Auswahl getroffen worden. Der eine oder andere wird bedauern, dass die eine oder andere Sonate nicht aufgenommen wurde - jede Auswahl ist eine Wahl. Musiktheoretisch kontroversielle Sonaten (darüber später mehr) sind nicht gescheut, sondern verstanden und aufgenommen worden.

Das kann man von der Ausgabe der Edition Schott nun wahrlich nicht behaupten. Es hat den Anschein, dass die besonders auffälligen Sonaten Scarlattis nicht verstanden und irgendwie als musiktheoretisch nicht haltbar eingestuft worden sind und darum gemieden wurden wie die Pest. Es ist und bleibt solange ein Rätsel, bis man bedenkt, dass hier offensichtlich die Unbedarftheit am Werke war. Also: brav, braver, am bravsten. Der beste Junge in der Klasse! Das ist sehr schade, aber auch sehr typisch. Immerhin enthält diese Ausgabe einige Sonaten, die die ungarische Ausgabe, die ich ohne Zögern für weitaus wichtiger und ehrlicher erachte als die Schott-Ausgabe, ergänzen.

Eine ganz vorbildliche Gesamtausgabe des Urtextes ist die von Kenneth Gilbert versorgte und bei Heugel - Paris erschienene. Mit großer Sorgfalt redigiert, ist sie als der wichtigste Brunnen in der heutigen Zeit anzusehen. Sie gründet sich auf die Venedig-Manuskripte und verweist an verschiedenen Stellen auf die Abweichungen gegenüber den Parma-Manuskripten. Die Originalmanuskripte sind leider verschollen. Schade und auch unverständlich ist nur, dass bei solcher Sorgfalt und so viel gutem Willen nicht auch die Vorzeichnungsweise Scarlattis übernommen wurde. Es scheint, als ob sich niemand Gedanken macht um die Gründe, die Scarlatti in vielen Sonaten (hauptsächlich bis etwa K150, aber auch gelegentlich später) zu seiner Art der Vorzeichnung bewogen haben. Im Vorwort dieser Ausgabe heißt es dazu ganz lapidar:

"..verlangen Interpreten und Musikologen immer dringender eine quellenkritische Neuherausgabe der 555 überlieferten Sonaten, die die heutigen herausgeberischen Standards zugrunde legt."

Ein Hinweis auf dieses Phänomen wäre am Platze gewesen. Doch darüber später mehr.

Als ursprünglichen Brunnen hatte ich einige Zeit Zugang zu einer kleinen Sammlung von Faksimiledrucken der Manuskripte Scarlattis, also der für die spanische Königin Maria Barbara angefertigten Kopien, die in Venedig und Parma aufbewahrt liegen. Dass das Studium dieser Faksimiledrucke sehr lehrreich war, dürfte deutlich sein. Hier werden auf wunderbare Art und Weise die Intentionen Scarlattis deutlich. Abgesehen von der Verzauberung, die diese Manuskripte zuwege bringen, die einem ganz von selbst eine vergangene Welt erschließen, sie sind der einzige Brunnen, der nicht umgedeutet werden kann. Was dort steht, ist durch Scarlatti selbst niedergeschrieben worden. Und also gültiger als alle späteren Ausgaben zusammen. Jedoch muss gesagt werden, dass Scarlattis Notationsart in unseren heutigen Augen nicht immer glücklich gewesen ist. Er hat so notiert, dass der Ton c' die Scheidungslinie zwischen den beiden Notenbalken war. Vermutlich darum, um soviel möglich Hilfslinien zu vermeiden. In den folgenden Beispielen ist dies, wo nötig, in eine modernere Notationsweise transformiert worden.